Gleichbehandlung ≠ Gerechtigkeit

"Wenn einer diese Ausnahme bekommt, müssen alle diese Ausnahme bekommen."
Diese oder ähnliche Aussagen prägen unseren Kitaalltag.
Natürlich, die Diskrepanz das Kollektiv und die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen/ jeder Einzelner unter einen Hut zu bekommen, scheint groß. Gerade bei den Personalausfällen der letzten Jahre, scheint es, als hätte man nicht die Kapazitäten den individuellen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden.

Doch stimmt das auch?

Überall wo Menschen zusammen kommen, herrschen gewissen Regeln und/oder unausgesprochene gesellschafftliche Normen, die das Verhalten der Menschen in dieser Gruppen steuern. So verschafft man sich eine Ordnung, in der es in der Regel zu keinen außerordentlichen Vorkommnissen kommt.
In vielen Kitas gibt es Regelwerke, die vor allem darauf bedacht sind, dass es "gerecht" ist.
Zum Beispiel:
- alle sitzen zusammen am Tisch, bis der/die Letzte mit dem Essen fertig ist
- im Morgenkreis machen alle mit
- beim Essen bekommt niemand eine "Extrawurst"
- jedes Kind bekommt gleich viel körperliche Zuwendung

Doch ist es wirklich gerecht, nur weil wir alle gleich behandeln?! Ist es realistisch in einer Gruppe von 10 bis 20 Kindern eine allgemeingültige Regel einzuführen, die alle Alters- und Entwicklungsstufen inkludiert?
Meiner Meinung nach nicht.
Meiner Meinung nach birgt diese Haltung eine Menge Frustrationspotential, Überforderung und schlechte Gefühle.
Dennoch sind die Kinder unseren Entscheidungen im Kita-Alltag meist ausgeliefert, da wir am längeren Hebel sitzen und demnach Kinder zum Bepiel zum Aufessen, sitzen bleiben und entschuldigen zwingen können.

Diese Macht, die wir über die uns anvertrauten Kinder haben, sollten wir allerdings auf den Missbrauch dahingehend reflektieren.
Ist es nicht viel gerechter, wenn jede:r das tut, was er oder sie in seinen Möglichkeiten kann? Ist es nicht viel nachhaltiger, wenn das Kind sein Sättigungsgefühl kennen lernen darf, herausfindet, was ihm schmeckt und was nicht? Und ob eine Entschuldigung wirklich von Herzen kommt, oder nur eine Floskel wird, weil die nervigen Erwachsenen es hören möchten?

Wir möchten die Kinder zu mündigen und reflektierten Menschen heranziehen, die ihre Entscheidungen abwägen, ihre Meinungen äußern. Wir führen Projekte ein, in denen es darum geht persönliche Grenzen zu ziehen, Nein zu sagen und doch übergehen wir die Bedürfnisse/ Vorlieben/ Meinungen der Kinder nur allzu häufig, um vermeintlich das Interesse der Gruppe zu wahren.
Doch bei Gerechtigkeit geht es auch darum, sich in Toleranz zu üben und wahrzunehmen, dass für uns unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Regeln gelten können oder sie gar situationsabhängig sind.

Die individuellen Bedürfnisse der Kinder in den pädagogischen Alltag zu integrieren und thematisieren, hat nicht sehr viel mit der personellen Auslastung bzw. Überlastung, sondern vielmehr mit der pädagogischen Haltung zu tun.
Aus Erfahrung kann ich sagen, sich dahingehend zu überprüfen und seine Meinung und/ oder Haltung anzupassen lohnt sich, da man die sogenannten Lorbeeren für die bedürfnisorientierte Arbeit schnell erntet. Die Kinder werden zusehends entspannter und zufriedener, was den Kitaalltag enorm entlastet.

Hiermit möchte ich euch ermutigen von stereotypen Regelwerken und Ängsten, dass dies oder jenes nicht klappt, weil dann die reine Anarchie herrschen würde, abzuweichen. Probiert es aus!
Eine Woche! Einen Monat! Und dann vielleicht für immer ;))